Divrei Torah und Skripten von Shiurim

Brot und Segen

 (ursprünglich verfasst für den Newsletter des Rabbinats der IKG Wien zu Parashat Shelach 5779)

Wir sind gewohnt, die Brote, die wir für Schabbat backen, Challes (Challot) zu nennen. Aber ursprünglich bezieht sich das Wort Challa nicht auf das Brot, das wir auf den Schabbes-Tisch legen, sondern auf jenen Teil, den wir vom Teig1 absondern. In biblischen Zeiten wurde dieses Stück Teig einem Kohen gegeben. 

 Heute, wo wir keinen Tempel haben (in dem der Kohen und seine Familie die nötigen Reinigungsrituale für sich durchführen könnten, um solche Speisen zu verzehren), nehmen wir ein symbolisches kleines Stück vom Teig vor dem Backen als „Challa“, und dieses wird verbrannt (oder, wenn ein Feuer gerade nicht möglich ist, in respektvoller Weise entsorgt). Auch tritt heute das Gebot, Challa zu nehmen, erst ein, wenn wir eine gewisse Mindestmenge von Teig geknetet haben2, weshalb es in einem Privathaushalt nicht so oft anfällt. Aber immer wieder bemühen sich jüdische Menschen um eine Gelegenheit extra viel Brotteig auf einmal herzustellen, um dann Challa abzusondern, denn dies bringe Segen für das Haus.

Was steckt dahinter?

Das Gebot, Challa vom Brotteig abzusondern, finden wir in der Parascha dieser Woche, Paraschat Schelach. Hier sagt G“tt zu Mosche (Verse 15.18-21), dass die Kinder Israels, wenn sie in das Land kommen, in das G“tt sie bringen wird, eine Abgabe von ihrem Teig „für Hashem“ geben sollen. Das Gebot trat erstmals in Kraft, als das Volk in das Land kam. Dass wir auch außerhalb Israels Challa absondern, kennen wir als „rabbinisches Gebot“, aber ursprünglich besteht eine Verbindung zum Land: Wenn die Kinder Israels in das Land kommen, dann sollen sie erstmals Challa nehmen.

Moment mal! Wieso steht das ausgerechnet in der Parascha dieser Woche? In unserer Parascha haben wir zu Beginn die berühmte Geschichte mit den „Spionen“, die dem Volk erklärten, es werde nicht gelingen, das Land zu erobern. Worauf die 40-jährige Wüstenwanderung folgt. Ausgerechnet an dieser Stelle, unmittelbar nach der Geschichte mit den Spionen, erzählt die Torah vom Challa-Nehmen, das stattfinden soll „wenn ihr in das Land kommt“?

Manche Kommentare meinen, dass gerade darin die Pointe liegt! Nach dem Urteil, dass jetzt 40 Jahre Aufenthalt in der Wüste anstehen, waren wohl viele frustriert. Manche mochten sich gefragt haben, ob das mit dem Land überhaupt je etwas wird... Da kommt die Torah und spricht genau jetzt von einem Gebot, das einzuhalten sein wird, „wenn ihr in das Land kommt“ - um den Menschen Mut zu geben, dass sich der Erfolg eines Tages einstellen wird!

Noch weiter geht der italienische Rabbiner der Renaissance Ovadia Sforno. Er meint, das Gebot des Challa-Nehmens komme deshalb nach der Geschichte mit den Spionen, weil das Absondern der Challa besonderen Segen für das Haus bringt. Also wir bekommen hier nicht nur irgendein Gebot, das irgendwas mit dem Land zu tun hat, sondern ausgerechnet jenes, das besonderen Segen für das Haus bringen wird. Das macht noch mehr Mut. Nicht nur wird das Volk ins Land kommen, es besteht auch Aussicht auf guten Segen!

Woher aber weiß Sforno das mit dem Segen? Dazu verweist er uns auf zwei Stellen in Prophetenbüchern:

Beim Propheten Jecheskel (44.30) heißt es über die verheißene Rückkehr aus dem babylonischen Exil ins Land Israel „… und den Anfang eures Teiges werdet ihr dem Kohen geben, um Segen ruhen zu lassen auf deinem Haus“.

Den zweiten Hinweis findet Sforno beim Propheten Elijahu (1. Buch Könige, Kap.17), der sich als Kohen zuerst von einer armen Frau eine kleine Abgabe geben lässt, und sie dann segnet, dass ihr Mehl und Öl nie ausgehen werden.

Heute haben wir oft das Gefühl, dass das Absondern von Challa nur so ein kleines Symbol ist. Aber vielleicht können wir daraus eine Lehre verallgemeinern: Wenn wir von unserem materiellen Gütern etwas für heilige Zwecke aufwenden, dann mögen wir auf Segen hoffen.

1Gemeint ist Teig aus einer oder mehrerer der fünf Getreidesorten im biblischen Sinn: Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Dinkel.

2Für die Teigmenge ab der Challa mit Brachah zu nehmen ist, gibt es verschiedene Traditionen. Manche verlangen mindestens 2,25 kg Mehl, andere sehen die Grenze schon bei 1,7 kg erreicht. Um Challa ohne Bracha abzusondern wird meist eine Menge von über 1,25 kg Mehl angegeben. Hat man weniger Mehl verarbeitet – wie es in einem Privathaushalt oft der Fall ist – wird gar keine Challa genommen. Betreffend Details welcher Teig genau Challa-pflichtig ist, gibt es bei Aschkenasim und Sefardim verschiedene Traditionen. Im Zweifel besser nicht „Rabbi Google“ befragen, sondern den jeweiligen Rabbiner Ihrer Gemeinde.